Frühjahrstagung der Kulturwarte 2022

In der Presse gab es in den vergangenen Jahren immer wieder zum Teil kontroverse Artikel über den langjährigen Vorsitzenden (1904 bis 1938) des Eifelvereins Karl Kaufmann.

Seine Verstrickungen mit dem NS-Regime wurden kritisiert, die Forderung nach Aberkennung des nach ihm benannten Hauptwanderwegs nach Trier mündete letztendlich 2019 in die Umbenennung des Karl-Kaufmann- in den heutigen Ville-Eifel-Weg. Grund genug, sich mit seiner Person im geschichtlichen Umfeld kritisch auseinander zu setzen. Nach mehreren coronabedingten Verschiebungen bzw. Absagen kam kurzfristig eine Einladung zur Frühjahrstagung der Kulturwarte 2022, die als gemeinsames Forschungskolloquium des EV in Kooperation mit dem LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte am 25. Juni im Eifelmuseum in der Genovevaburg in Mayen zum Thema Karl Kaufmann, der Eifelverein und die NS-Kulturpolitik stattfand. Entsprechend umfangreich gestaltete sich auch das Programm.

 

Nach Grußworten seitens der Stadt Mayen und dem LVR und einer ersten Einführung in die Thematik durch den Hauptkulturwart Prof. Dr. Schmid folgten 3 Vortragsblöcke mit insgesamt 6 Fachvorträgen, die sich dem Thema von verschiedenen Seiten näherten, die von einer sehr rege geführten Abschlussdiskussion abgerundet wurden.

Landesgeschichtliche Impulse
I Völkische Bewegungen im Rheinland und der Heimatbegriff
II Die Kulturpolitik des Provinzialverbandes in der NS-Zeit

Karl Kaufmann als Landrat und Kulturmanager
III Karl Leopold Kaufmann als Landrat in Euskirchen (1907-1929)
IV Karl Leopold Kaufmann und die Bonner Landesgeschichtsforschung

Eifelverein und Eifelmuseum
V Karl Leopold Kaufmann und der Eifelverein
VI Ein Museum für die Eifel. Der Erwerb der Genovevaburg in Mayen 1938

 

Eigenes Fazit ausden konkreten Beiträgendieser Veranstaltung - kein eigener Essay.


Karl Kaufmann wird 1863 als Sohn des Bonner Oberbürgermeisters in eine national-liberal gesinnte, typische Beamtenfamilie des Kaiserreichs hineingeboren. Nach dem Abitur studiert auch er an der Universität Bonn Rechtswissenschaften und tritt nach seiner Promotion ebenfalls in den preußischen Staatsdienst ein - zuerst als Regierungsrat in Trier, ab 1899 als Landrat des Kreises Malmedy. 1896 tritt er in den EV ein, ab 1904 ist er dessen (langjähriger) Vorsitzender. Zu dieser Zeit ist der (unpolitische) Verein mit seinen Wanderungen und Ausflügen vor allem attraktiv für den Mittelstand. 1907 wechselt er als Landrat in den Kreis Euskirchen. Während der Ruhrbesetzung im Februar 1923 wird er als erster Beamter des Regierungsbezirks Köln unter dem Vorwurf des passiven Widerstands mit seiner Familie ausgewiesen und erst im Oktober 1924 wieder zum Dienst zugelassen. Dieses Amt hat er bis zu seiner Pensionierung 1929 inne, er bleibt aber bis 1938 weiter EV-Vorsitzender.
In der Zeit ab 1933 zeigt sich in den Schriften des EV ein neues Gesicht – der Wechsel vom Honoratiorenclub zum völkischen Verein hat begonnen. Der bewährte Vorsitzende kann bleiben (er war zeitlebens nie Mitglied der NSDAP), auch, da die erwartete Mitgliederwerbung im Verein für die NSDAP funktioniert, allerdings schafft Kaufmann es im Gegenzug nicht, die NS für seine Ziele zu begeistern.
1938 werden viele Vereine in Deutschland aufgelöst oder gleichgeschaltet, der EV kann bestehen bleiben. Schwierig ist heute seine genaue Positionierung, da grundsätzlich alles Quellenmaterial dieser Zeit sehr propagandistisch ist. Auch Kaufmann bekennt sich zum neuen Regime, bleibt weiter als Organisator im EV aktiv und wirbt bis zu seinem Tode 1944 (bei einem Luftangriff auf Bonn) aktiv für den EV, z.B. in Form von Wanderwegen als Angebot an Soldaten zur Erholung & zum Marschieren der Jugendlichen.
Nach den 6 Stunden Theorie gab es die Möglichkeit, das oberirdisch gelegene Eifelmuseum EifelTotal über die Entstehung der Eifellandschaft & das Alltagsleben der Bewohner oder im Untergeschoss der Burg das Deutsche Schieferbergwerk zu besichtigen, das ursprünglich jedoch nicht zur Schiefergewinnung, sondern im Zweiten Weltkrieg innerhalb weniger Monate als Antwort auf die Bombardierungen des strategisch wichtigen Eisenbahnknotenpunktes Mayen als Luftschutzbunker für die Bevölkerung entstanden ist. Heute bietet das Stollensystem eine faszinierende Kulisse, in der die Geschichte des Schiefers & Schieferbergbaues in der Eifel von seinen Anfängen vor rund 2.000 Jahren bis zur Gegenwart anschaulich dargestellt wird und auch immer wieder zum Anfassen einlädt (nachgebildete Fossilien, selbstständiges Lochen von Dachplatten,…). In den unterirdischen Gängen stehen alte Loren, Seilsägen, riesige Schreitbagger und 20 Kilogramm schwere Presslufthämmer, eine simulierte Lorenfahrt rundet den Besuch attraktiv ab. 

Diana Hofmann

 

Karl Kaufmann, der Eifelverein und die NS-Kulturpolitik“ – Pressemitteilung zum Forschungskolloquium bzw. zur Tagung der Kulturwarte im Eifelverein am 25.06.2022

„Karl Kaufmann, der Eifelverein und die NS-Kulturpolitik“: Unter dieser Überschrift fand kürzlich im Eifelmuseum in der Genovevaburg Mayen ein Forschungskolloquium statt. Zahlreiche Historiker und Vereinsmitglieder waren der Einladung des Eifelvereins und des Landschaftsverband Rheinland-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte (LVR), die die Veranstaltung in Kooperation mit der Stadt Mayen ausgerichtet haben, gefolgt.

Wer war Karl Kaufmann und warum ist sein politisches Wirken für den Eifelverein und für die Stadt Mayen noch heute so interessant, dass sich hochkarätige Historiker damit beschäftigen? Karl Kaufmann (1863-1944) war Landrat in Malmedy und Euskirchen. Er wurde noch im Kaiserreich 1904 zum Vorsitzenden des Eifelvereins gewählt und hatte dieses Amt bis ins Dritte Reich, bis 1938 inne. In dieser Zeit war er maßgeblich an der Gründung des Eifelmuseums in Mayen beteiligt.

Doch der von seinen Zeitgenossen und der Nachwelt als „Eifelvater“ verehrte Kaufmann war auch im Dritten Reich kein unbeschriebenes Blatt. Auch wenn er selbst nie Mitglied in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) war, so hat er bereitwillig die Nutzung von Veranstaltungen und der Publikationsorgane des Eifelvereins durch die NS-Propaganda ermöglicht. Bis 1938 hatte sich Kaufmann mit politischen Äußerungen zurückgehalten, und es kann nur darüber spekuliert werden, warum er damals seine Einstellung änderte. Der Eifelverein sieht sich heute in der Pflicht, diese Zusammenhänge und Verwicklungen aufzuarbeiten. Hintergrund ist auch das breite öffentliche Interesse 2019 an der Umbenennung des Karl-Kaufmann-Weges, einer Hauptwanderroute durch die Eifel. Das Forschungsvorhaben wurde für den Eifelverein durch den Hauptkulturwart und Historiker Professor Wolfgang Schmid, durch Dr. Helmut Rönz vom LVR und vom Vorsitzenden des Mayener Geschichts- und Altertumsvereins (GAV) Hans Schüller organisiert.

Die Beigeordnete Natascha Lentes, die für die Stadt Mayen das Forschungskolloquium eröffnete, sagte: „Wer den Abgrund vermeiden will, muss ihn kennen“ und verwies darauf, dass Mayen wie jede andere Stadt eine braune Vergangenheit hat. Sie sprach dem Eifelverein ihren Respekt dafür aus, dass sich die Verantwortlichen „schonungslos“ mit der Geschichte auseinandersetzen. Nach der Einführung durch Professor Wolfgang Schmid, der nicht unerwähnt ließ, dass der Verein mit Josef Schramm einen weiteren Vorsitzenden hatte, der politisch nach dem Krieg nicht mehr tragbar war und dessen Wirken man ebenfalls aufarbeite, erklärte dieser, dass sich die genaue Betrachtung der Causa Kaufmann hinzieht, da die Quellenlage dürftig sei. Er bedauerte, dass sich Fachhistoriker wenig in die Diskussion eingeschaltet hätten. Denn sie hätten „die historischen Kontexte vermitteln und auch die Grautöne zwischen Schwarz und Weiß zeichnen können“, so Schmid. Es gibt im Dritten Reich nicht nur Opfer und Täter, sondern breite Übergangszonen, in denen man das jeweilige Ausmaß an Schuld und Verstrickung verorten müsse. Letztlich sei Kaufmann aber als „Vereinsführer“ für das verantwortlich, was in seinem Verein geschehen ist bzw. veröffentlicht wurde.

Keywan Klaus Münster vom LVR und René Schulz aus Bonn bestritten mit den „Landesgeschichtlichen Impulsen“ die erste Sektion der Tagung. Beide zeichneten das Bild der politischen und sozialen Umbrüche vom Kaiserreich über den ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik bis hin zu NS-Diktatur. Dabei wurden auch die Begriffe „Heimat“ und „völkisch“ kritisch unter die Lupe genommen. In der zweiten Sektion näherte sich Dr. Heike Pütz aus Euskirchen dem Landrat Karl Leopold Kaufmann und dessen unermüdlichen Einsatz für die Weiterentwicklung des Landkreis Euskirchen, der Förderung der Landwirtschaft und auch seinem sozialen Engagement. Sie zitiert eine Beurteilung, „Kaufmann hatte eine Art sich zu geben, die alle Herzen gewann“. Ein Ereignis, das ihn sehr prägte, war die Ausweisung seiner Familie während der Rheinlandbesetzung.

Dr. Helmut Rönz vom LVR beleuchtete Kaufmanns Rolle als stellvertretender Vorsitzender des Vereins für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande an der Universität Bonn und das Verhalten der akademischen Eliten ab 1933. In der abschließenden dritten Sektion der Fachtagung erforschte zunächst Professor Wolfgang Schmid das unermüdliche Wirken Kaufmanns für den Eifelverein. Er war es, der 1937 den Deutschen Wandertag nach Mayen holte. 1938 wurde Kaufmann im Rahmen der 50-Jahrfeier des Vereins verabschiedet und der linientreue Parteigenosse und Landrat von Schleiden, Josef Schramm, zu seinem Nachfolger gewählt.

Ein Höhepunkt dieser Feier war die Übergabe eines stattlichen Geldbetrags zum Erwerb der Genovevaburg in Mayen an den Eifelverein. Wie es dazu kam, erläuterte ausführlich der letzte Experte des knapp sechsstündigen Forschungskolloquium: Hans Schüller vom GAV. Schüller ging zurück bis ins Jahr 1917, als mit dem Verkauf der Burg an den wohlhabenden Aachener Ingenieur Arend Scholten ein neues Kapitel der Museumsgeschichte begann. Scholten war ein Wohltäter und er liebte das Eifler Kunst- und Handwerk. Damit der GAV einen würdigen Ort für seine Vereinssammlung hatte, schenkte ihm Scholten 1920 den „Marstall“ der Burg. Scholten warb um die Zusammenarbeit mit dem Eifelverein und war maßgeblich 1921 am Umzug der Eifelvereinsbücherei von Prüm nach Mayen beteiligt. Das neue Museum trug den Namen „Eifelvereinsmuseum“. Doch im Zuge der Hyperinflation verschlechterte sich die finanzielle Situation Scholtens dramatisch. Er musste die Burg verkaufen. Wegen der vorangegangenen Schenkung des Marstalls fanden sich jedoch nicht viele Kaufinteressenten. 1936 bot Scholten dem Landeshauptmann der Rheinprovinz die Burg für 40.000 Reichsmark (RM) und einer jährlichen Rentenzahlung von 10.000 RM an. Erst im Jahr 1938 einigte man sich auch eine Kaufsumme von 30.000. Doch die Provinz bewilligte die Summe nicht als Provinzialförderung der Stadt Mayen, sondern der Betrag ging als Geschenk an den Eifelverein anlässlich des Jubiläums seines 50-jährigen Bestehens. Im Dezember 1938 wurde der bis heute gültige Museumsvertrag zwischen der Stadt Mayen, dem Landkreis Mayen-Koblenz, dem GAV und dem Eifelverein geschlossen. Derzeit findet eine Generalsanierung der Burg und danach eine bedeutende Erweiterung der Ausstellungsfläche statt. Die Vorträge der Fachtagung sollen zum Jahresende publiziert werden und damit allgemein zugänglich gemacht werden.

Ricarda Helm (Hauptkulturwartin im Eifelverein)

 

 

Fotos: D. Hofmann, Aufber.: K. Heidtmann