Bericht von der Frühjahrstagung der Kulturwarte am 1. April 2017 in Bad Breisig

Nach der Begrüßung im Jugend- und Kulturbahnhof Bad Breisig, hervorragend organisiert von der dortigen Ortsgruppe, hielt zuerst der Historiker Walter Fabritius, seines Zeichens Breisiger Urgestein, einen Vortrag über die Stadtgeschichte. In einer wahrhaft verbalen Springprozession durch die Zeit – Jahrhunderte vorwärts, anschließend wieder zurück, bot er Streiflichter, Anekdoten und Verbürgtes.
Bad Breisig (erst 1914 wurden die Thermalquellen angebohrt, der Name Römertherme ist also ein reiner Marketingschachzug) liegt an der Einmündung des (gerade einmal 19 km langen und wenig spektakulären) Vinxtbaches in den Rhein. Aber, er stellte erstaunlicherweise seit Menschengedenken die Grenze schlechthin dar: zwischen keltischen Stämmen; in der Römerzeit zwischen den Provinzen Nieder- und Obergermanien (der Name Vinxt leitet sich vom lateinischen finis für Grenze her); im Mittelalter zeitweise zwischen den Herzogtümern Ober- und Niederlothringen sowie zwischen den Erzbistümern Köln und Trier. Früher auch als Schwarzbrotgrenze bekannt, gilt der Vinxtbach heute zumindest noch als Dialektgrenze (Vinxtbachlinie): nördlich werden ripuarische, südlich von ihm moselfränkische Dialekte gesprochen – was sich wohl auch in Alaaf & Helau äußert.
Die heutige B9 entlang des Rheines durch die Stadt ist eine uralte Straße und trägt entsprechend viele Beinamen wie Heerstraße (Frankfurt—Aachen; die nächstgelegenen römischen Kastelle waren Andernach und Remagen) oder Krönungsweg (der quer durch die Eifel führt). Der Templerorden unterhielt deshalb hier ein Hospitz. Einer der Templer erhielt von Kaiserin Helena, der Mutter von Kaiser Konstantin im 3. Jh., einen (angeblichen) Splitter vom Kreuz Jesu - damit wurde Bad Breisig schon frühzeitig zum Wallfahrtsort. Als Reliquie wertvoll gefasst ist heute in St. Marien zu sehen.
Nach dem Verbot der Templer traten die Johanniter ihre Nachfolge an – sie errichteten hier ihre bedeutendste Niederlassung in Mitteleuropa - die Erstreitung des Marktrechts (heute gibt es noch den Zwiebelmarkt) war ihr wichtigster Beitrag für die Stadt.

Reichhaltige fränkische Ausgrabungen wurden um die Jahrhundertwende zum 20. Jhd. noch legal veräußert, deshalb sollen sich einige aus der Bad Breisiger Flur im New Yorker Historischen Museum befinden. Dieser Unsitte und den entsprechenden Verlusten vorzubeugen, wurde kurz darauf vom deutschen Kaiser ein entsprechendes Gesetz erlassen, um zukünftig die Funde im eigenen Lande zu behalten – leider zu spät für BB.

Hinterlassenschaften aus vorchristlicher, römischer und fränkischer Zeit gibt es reichlich in der Goldenen Meile zwischen Bad Breisig und Remagen (=goldfarbener Weizen auf fruchtbaren Flusssedimenten, die nach den zahlreichen Überflutungen zurückblieben), heute stößt fast jeder beim Ausschachten auf historische Artefakte. Die werden möglicherweise nicht alle gemeldet, um monatelangen Baustopp zu verhindern.

Breisig, eigentlich schon immer eine Ansammlung von 7 Dörfern, wurde kurz vor der ersten Jahrtausendwende von König Zwentibold aus dem Geschlecht der Karolinger an ein Essener Damenstift verschenkt. Diese setzen, um sich nicht selbst um alles kümmern zu müssen, zunächst die Jülicher, später den Rheinecker Burggrafen als Vögte ein und genossen ihre Pfründe.

Nach einer Stunde wurde Herr Fabricius unterbrochen, damit für den zweiten Fach-Vortrag, feinsäuberlich ausgearbeitet auf 50 Stück DIN A4-Seiten und trotzdem frei gehalten durch den Vorsitzenden Prof. Schmid auch noch 1000 Jahre übrig bleiben – inhaltlicher Schwerpunkt: die Preußen in der Eifel.

Während des Kulturkampfes standen sich ja bekanntermaßen Preußen und die katholische Kirche diametral gegenüber – allerdings ist bis heute eher die Sicht der katholischen Kirche in das Allgemeingut eingegangen, unterstützt durch die Memoiren katholischer Geistlicher. Nach dem Motto – nicht alles war schlecht, wollte Prof. Schmidt für die Preußen eine Lanze brechen und sie bzw. ihren Ruf mal aus einem anderen Blickwinkel und möglichst objektiver erörtern:

Durch die Preußen wurde die mittelalterliche territoriale Zersplitterung endlich überwunden und effektive Verwaltungen geschaffen (natürlich die fiskalische zuerst, später auch Forst- und andere Verwaltungen). In den kleinen Dörfern wurden Sozialstationen mit Arzt, Hebammen und Ordensschwestern (unter pastoraler Aufsicht, inklusive Bewahranstalten und Nähschule) eingerichtet. Neue Rindersorten werden eingeführt, Molkereien gebaut, Schafzucht kontra Ödland propagiert. Insbesondere nach der Jahrhundertwende gibt es auch finanzielle Beihilfen für die Bauern. Trotzdem kam es weiter zu Hungersnöten in der Eifel, die zu entsprechenden Auswanderungswellen führten.
Nur die geplante Eisenbahn quer durch die Eifel (natürlich in erster Linie zum Transport von Soldaten gedacht), die durch den Verkauf einheimischen Materials finanziert werden sollte, hat glücklicherweise nicht geklappt und so stehen die Vulkankegel noch immer in der Landschaft – die alternative Streckenführung ist bekannt.

Die Vergabe des Kulturpreises wurde bekannt gegeben: nach dem erneuten Aufruf gab es auf einmal sehr viele Bewerbungen. Der Preis soll deshalb innerhalb von 5 Jahren nicht zweimal an den gleichen Ortsverein gehen – in 2017 werden Kalterherberg, Neuerburg, Rott, Brühl und Neuss ausgezeichnet, jeweils für ein ganzes Bündel von Aktivitäten.

Die anschließende Stadtführung führte uns an den Thermen vorbei zu St. Viktor: da der Namenspatron in römischem Staatsdienst partout nicht von seinem christlichen Glauben ablassen und den römischen Göttern opfern wollte, wurde er geköpft und später als Märtyrer heilig gesprochen – als zeitgenössisches Kunstwerk im Garten sehr anschaulich dargestellt.
Die Kirche, außer einer kurzen calvinistischen Epoche katholisch genutzt, hat als bauliche Besonderheit die Empore nur auf einer Seite des Kirchenschiffes. Bei Restaurierungsarbeiten wurden sehr viele alte Fresken gefunden, die in der calvinistischen Epoche übertüncht und nun durch polnische Spezialisten wieder hervorgeholt wurden.

Freizeittipp: Bad Breisig liegt an bzw. in unmittelbarer Nähe einer Reihe von überregional bekannten Wanderwegen: RheinBurgenWeg (inklusive Rundtour Breisiger Ländchen), Eifelleiter, Traumpfade und Rheinsteig.

Für inhaltliche Irrtümer übernimmt der Verfasser die Verantwortung.
Diana Hofmann

 

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